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Warum wird in der Schule gemobbt? Februar 27, 2010

Posted by andrea schuetze in Allgemein, Aufreger.
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Von Andrea Schütze, München 27.02.2010

Im Anschluß zu meinem Beitrag „Keine Macht den Mobbern“ möchte ich an dieser Stelle auf einen weiteren interessanten Artikel in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift „a tempo“ hinweisen.

Andreas Neider hat darin ein Interview mit Karl Gebauer geführt, der sich seit längerem mit dieser Thematik befasst.
Darin finden sich sehr viele interessante Ansätze, die auch voll und ganz Unterstützung verdienen. Allerdings kommt – auf der Beurteilungsbasis dieses Interviews – m.E. die Rolle der Schule viel zu kurz. Insbesondere die enorme Steuerungsmöglichkeit von Lehrern bleibt hier unberücksichtigt.

Sicherlich hat Gebauer Recht, dass Lehrer sich nicht allein auf ihr Fach konzentrieren sollen, sondern auch „die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Schüler und Schülerinnen [nicht] aus den Augen verlieren“ dürfen.

Kritik sehe ich allerdings in zwei Punkten:
1. Anders als dies in diesem Interview vorgetragen wurde, besteht m.E. Handlungsbedarf nicht erst im eingetretenen Fall von Mobbing, sondern muss bereits präventiv erfolgen. Wenn Mobbing sichtbar wird, haben sich die Strukturen oft schon so eingefahren und verhärtet, dass hier eine Gegensteuern kaum mehr möglich erscheint, wie sich auch aus dem Interview herauslesen lässt. Auftrag der Schule ist es nicht allein Wissen zu vermitteln, sondern auch zur Menschenbildung beizutragen. Diese Einforderung erscheint mir durchaus gerecht, immerhin verbringen Kinder in der wichtigsten Prägephase ihres Lebens die meiste Zeit nicht zuhause, sondern in dieser Institution, die ihren Besuch zusätzlich mit staatlicher Gewalt durchzusetzen vermag.
Richtig kann es daher nur sein, dass entsprechend geschulte Lehrer gerade hier und gerade in noch jungen  Klassenverbänden, wie beispielsweise bei Schulübertritten in Grund- und Weiterführende Schulen, in denen sich Sozialhierarchien gerade erste bilden, mit entsprechender Sensibilisierung der Schüler ansetzen. Denn ein wesentliches Problem des Mobbings besteht gerade darin, dass hier ein Stigmatisierungsbewußtsein für dieses Fehlverhalten fehlt und/oder die entsprechende Zivilcourage im Schülerumfeld, sich mit dem Opfer gegen den oder die Mobber offen zu solidarisieren, ausbleibt. Allein dies könnte Mobbing effektiv verhindern, nicht allerdings Maßnahmen, die erst zaghaft angewendet werden, wenn das Kind schon in den sprichwörtlichen Brunnen hineingefallen ist.

2. Ein weiterer Kritikpunkt an dieser Sicht besteht m.E. darin, dass die Rolle der Lehrer entweder auf den zu wenig umsichtigen Lehrkörper reduziert wird oder  dem höchstens ein Fehlverhalten in Form des „Beschämens“ eines Schülers zur Last gelegt werden darf. Die Rolle des Lehrers als Täter bleibt ein erkennbares Tabu in unserer Gesellschaft. Wohlgemerkt es gibt viele gute und engagierte Lehrer, die sich mit ihren Klassen abmühen und die oft selbst gnadenlos gemobbt werden, was ich aus eigener Beobachtung meiner Schulzeit bestätigen kann. Andererseits gibt es auch Lehrergestalten, die an schulischen Mobbing-Situation stark beteiligt sind, sei es, dass sie sich den mobbenden Schülern anschließen und mit diesen gemeinsam auf das gemobbte Opfer losgehen, so in einem der geschilderten Fälle aus meinem vorherigen Artikel zu dieser Thematik. Sei es aber auch, dass sie einen Schüler erst in eine Mobbing-Situation bringen, weil die Lehrer den Schüler mobben und ihn dadurch der Klasse als Zielobjekt weiteren Mobbings vorführen.
Karl Gebauer hatte einen seiner Tagungsbeiträge mit „Du stinkst und bist dumm“ (s.u.) betitelt, führt hier allerdings die Schüler als Täter an. Aus meiner eigenen Schulzeit kenne ich gerade diese Kombination aus Lehrer-Mund. Ich war damals noch in der Grundschule und hatte als Nachbarn auf der Nebenbank einen Jungen, der aus einer jugoslawischen Migranten-Familie kam. Die Leute waren erkennbar sehr arm, aber ordentlich, freundlich und sauber. Wir sind auf dem Nachhauseweg von der Schule oft zusammen gegangen, weil er in meiner Nähe wohnte. Es dauerte nicht lange und das Mobbing begann. Der Junge trug Gummistiefel und einen Parker und hatte auch sonst nicht viel Kleidung zum Wechseln, aber es war immer alles ordentlich und sauber. Ich hätte es wissen müssen, wenn er gestunken hätte, denn ich saß ja neben ihm. Aber das half nichts, denn plötzlich hieß es aus dem Mund der Lehrerin „Du stinkst“. Angeblich hätte er so gestunken, dass sie es am anderen Ende des Klassenzimmers gerochen hätte, was der Unwahrheit entsprach, denn ich hatte nie etwas an ihm gerochen. Dann ging es los, er mußte seine Schuhe ausziehen und an der Klasse vorbei aus dem Zimmer tragen. Weiter begann dann auch kurz darauf die Kleidung zu stinken. Einmal wollte sie sogar, dass er seine Hose ausziehen solle, weil diese auch stinken würde. Dass so ein stinkender Mensch natürlich auch schlechte Noten hatte, verstand sich ja von selbst, wie hätten es auch andere sein können.
Es gibt noch viele andere Fälle aus meiner Schulzeit, die in dieses Raster passen würden. Sie bedürfen keiner Erwähnung, denn sicherlich kennt eine ausreichende Zahl ehemaliger Schüler vergleichbare Fälle. Dass Lehrer auch Sadisten und wahre Bestien sein können, die Schüler bis aufs Blut mobben und schikanieren, ist keine Behauptung, die aus meinem Munde käme, sondern diese lässt sich durch alle Zeiten hindurch verfolgen und durchaus auch aus dem Munde von Personen, die später als Geistesgrößen des Abendlandes galten, aber an ihre Lehrer nur düstere Erinnerungen hatten.

Um es noch einmal klarzustellen: Es gibt sowohl auf Lehrer- und Schüler-Seite viele „Gute“, aber es gibt auch die „Bösen“ und deren Auswirkung ist oft sehr verheerend, v.a. wenn sie – wie im Falle eines Lehrers – noch zusätzlich die Macht besitzen, nicht nur jetzt zu schikanieren, sondern auch ein Leben für die Zukunft zu zerstören. Wenn in Schulen Amok-Läufe stattfinden, so sind das absolute Katastrophen. Was mir allerdings – mit Ausnahme von Otto Schily – in der öffentlichen Diskussion immer auffällt, ist dass allein am Täter des Amoklaufes die Lösung gesucht wird, deren Psychopathie und Eigenbrötelei wird in der Öffentlichkeit diskutiert.  Dass es psychopathische Amoktaten gibt, die keinen Anlass im Opferkreis besitzen, ist durch zahlreiche Fälle belegt. Es verhält sich allerdings auffällig, dass bereits am Tattag, noch ohne genauere Analysen, in der Öffentlichkeit allein diese Lösungskonzepte verbreitet werden, gewissermaßen ein Strickmuster für alle Fälle. Das kann und darf nicht sein.Viel zu kurz kommt, dass diese Taten möglicherweise lange Vorgeschichten haben könnten, in denen die Täter evtl. Opfer der Opfer gewesen sein könnten. Diese Erkenntnismöglichkeit wird im Falle der sofortigen Märtyrisierung der Gewaltopfer vertan.

Man könnte sich sicherlich hinter einer derartigen Einäugigkeit verschanzen, doch man vergibt dadurch wertvolle Chancen zur Abwehr dieser Taten, die nur im Vorfeld entschärft werden können. Der zunehmende Gewaltkonsum, der zusehends erkennbare Verlust vor der Würde des anderen und der durch Computerspiele und Cyber-Welten geförderte Realitätsverlust setzt die sozialen Hemmschwellen für derartige Taten deutlich herab und sollte auch jenen zu denken geben, die sich durch Passivität bzw. Aktivität mit Mobbern bewußt oder unbewußt solidarisieren.

Zusammenfassend möchte ich daher sagen:
Es erscheint mir wichtig, dass Mobbing bereits vor seiner Entstehung durch entsprechende Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen, die zu einer psycho-sozialen Sensibilisierung führen, präventiv verhindert wird. Weiter müssen auch Leitfiguren – wie sie Lehrer vorstellen – nicht nur stärker in die Pflicht genommen werden, sondern auch vom Sockel der Unantastbarkeit herabgeholt und ihrerseits zur Disposition gestellt werden.
Keine Macht den Mobbern gilt für Schüler UND Lehrer!

Andrea Schütze, lupa-romana.de

Weitere Links zu diesem Beitrag:

ZDF Angst im Nacken – Keine Macht den Mobbern! Juni 27, 2009

Posted by andrea schuetze in Aufreger.
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Andrea Schütze, 27.06.2009

Wie aus einem Opfer Satans jüngste Tochter wird

Wie aus einem Mobbing-Opfer Satans jüngste Tochter wird

Heute Vormittag lief im ZDF eine Sendung mit dem schönen Titel „Angst im Nacken“ – kein spannender Psychothriller, sondern grausame und alltägliche Realität im Lande. Gegenstand war ein kleines Mädchen, das in der Schule von Mitschülern gemobbt wurde und daher Angst vor der Schule hatte. Dieser Dauerstresszustand äußerte sich auch in psychosomatischen Erscheinungen wie Hautausschlägen und Magenschmerzen.

Der geschilderte Fall schien noch relativ milde zu verlaufen, als das Mädchen weder körperliche, noch verbale Gewalt erlebte und sogar in Leidensgenossen Freunde gefunden hatte. Aufgrund ihrer Sensibilität war sie aber gezwungen einen Kinderpsychologen aufzusuchen, um ihre Angst, die sie ständig begleitete, wenn sie zur Schule gehen mußte und die Schulpausen zu überstehen hatte, in den Griff zu bekommen.

Vor Mobbing kann man nicht die Augen verschliessen, denn jeder hat in irgendeiner Form Mobbing schon erlebt, sei es als Opfer, sei es als Zuschauer, sei es als Täter.
Vor Mobbing darf man auch die Augen nicht verschließen, denn die mittlerweile schon wissenschaftlich belegten Folgen, die
Mobbing im physischen und psychischen Bereich zeitigen kann, sind nicht in den Bereich der Harmlosigkeiten, sondern schweren bis schwersten Schädigungen zu kategorisieren, so dass Mobber durchaus als „Täter“ bezeichnet werden dürfen. Dies erst Recht in jenen Fällen, wo die Grenze zum neckischen Scherz überschritten wird und dem Opfer körperliche oder verbale bzw. seelische Gewalt zugefügt wird.

Zwei weitere Umstände erschweren dem Opfer die Situation: Viele Mobbing-Opfer sind durch äußere Einflüsse in ihrer Situationen gefangen, wie etwa die Abhängigkeit vom Arbeitsplatz, der heute nicht so frei wählbar ist, oder – noch schlimmer – durch die Schulpflicht. Was für viele als holde Schulzeit verklärt wird, kann in der Realität für Betroffene zur teils unerträglichen Leidenszeit werden, die sich ganz unterschiedlich ventiliert. Aus meiner Schulzeit sind mir zwei Betroffene bekannt, von denen sich der eine regelrecht schlagen ließ, während der andere mit Schirmen und Schulstühlen zuschlug und nur mit Mühe Schlimmeres verhindert werden konnte. Keiner dieser Leute war das, was man im allgemeinen Sprachgebrauch oft unüberlegt als „verrückt“ bezeichnet. Jeder von ihnen war, für sich betrachtet, ein patenter Kerl, jedoch zu sensibel, so dass er Ungerechtigkeit nicht verarbeiten konnte.

Im Zusammenhang mit Mobbing lassen sich mit Blick auf die Umwelt jedoch interessante Beobachtungen machen. Die Umwelt nimmt Mobbing, wie alle anderen Formen von Gewalt durchaus wahr und sie reagiert, jedoch regelmässig nicht im Sinne des Mobbing-Opfers. In der Regel findet eine Solidarisierung mit dem Täter statt, sei es passiv etwa durch Wegsehen, Ignorieren oder Beschuldigung des Opfers. Die andere Form ist aktiver Art, entweder durch Anschluss an den Täter und Aufstieg zum Mobber oder durch Anfeuern dieser Situation. In wirklich den seltensten Fällen erlebt das Mobbing-Opfer Schutz oder Hilfe vor den Tätern. Hier besteht ein enormes soziales und rechtliches Aufarbeitungsfeld.

Wie im Einstiegsfall angesprochen wird das Opfer in psychologische Behandlung verwiesen. Sicherlich mag qualifizierte Hilfe einem Opfer sehr entgegenkommen, doch wird dies – wiederum eine Fehlleistung der Gesellschaft – dem Opfer leicht zum Stigma, wenn es diese Behandlung zulässt. So hatte auch das Kind seine Behandlung verheimlicht und nur die intimsten Freunde darin eingeweiht. Warum? Warum muss ein Opfer verschweigen, dass es von einem Täter so geschädigt wurde, dass es der Behandlung bedarf? Ist das nicht ein weiteres Zerstörungselement an der Opferseele?
Weiter kann man in derartigen Fällen fast nie erleben, dass dem betreffenden Mobber Einhalt geboten wird. Er erlebt Anonymität, er erlebt regelmäßig keine Konsequenzen, obwohl es hier Handlungsmöglichkeiten gäbe, so dass er sich regelmässig in seiner Mobber-Karriere weiterentwickeln kann. In anderen Gewalttatdelikten wäre dies weniger verständlich. Wer ließe einen Vergewaltiger, Körperverletzer, Totschläger oder Mörder ungestraft laufen und würde dem Opfer anraten, entweder sich einzusperren oder zu verschwinden? Niemand, der sich als Mitglied eines Rechtsstaates sieht.

Das Problem liegt hier wirklich noch in der breiten Erkenntnis dessen was Mobbing ist – eine der grausamsten Begehungsformen von Gewalt. Mobbing sollte nicht, sonder muß bereits in seinen Frühformen im Keim erstickt werden, so dass Mobber-Karrieren überhaupt nicht möglich sind.

Als illustrativen Abschluss möchte ich auf die Brian de Palma-Verfilmung von  Stephen-Kings ersten Roman (mit einer tollen Sissy Spacek) hinweisen, die mich als ich sie als frühe Jugendliche zum ersten Mal sah, zutiefst bewegt hatte, nicht wegen des „Horrors“ der telekinetischen Kräfte, sondern wegen der Falscheinschätzung und Falschbetitelung des Opfers: Carrie ist das Opfer schlimmsten Mobbings und im englischen Original heissen Film und Buch „nur“ Carrie. Als der Film allerdings ins Deutsche synchonisiert wurde erhielt das Mobbing-Opfer den neuen Titel „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“…

Andrea Schütze, lupa-romana.de

Weitere Links zum Thema:

Hier der Blog Mobbing-Gegner